Ein Beratungskonzept mit hochstrittigen Eltern

Lächelnde Frau vor Fenster

Ich tref­fe mich am frü­hen Abend mit Nad­ja in einem Pub auf der Bor­nai­schen Stra­ße in Leip­zig. Die Abend­son­ne scheint noch durch die Bau­lü­cke! Wir trin­ken Geträn­ke auf Eis!

Nad­ja Mahn arbei­tet seit 2016 als Sozi­al­päd­ago­gin, Fami­li­en­the­ra­peu­tin und Media­to­rin im Team der Fami­li­en- und Erzie­hungs­be­ra­tung. Einer ihrer Schwer­punk­te und abso­lu­tes Lieb­lings­feld ist die Arbeit mit getrenn­ten Eltern.
Ich schal­te das Auf­nah­me­ge­rät ein:

Clau­dia: „Ich habe gehört, dass ihr in der Arbeit mit hoch­s­trit­ti­gen Eltern ein Kon­zept erar­bei­tet habt, wie ihr in der Bera­tung vor­geht. Kannst du uns erst­mal erzäh­len, was eigent­lich hoch­s­trit­ti­ge Eltern sind und war­um es für sie in der Bera­tung ein Kon­zept braucht?“

Nad­ja: „Vie­le Eltern tren­nen sich und es läuft gut. Sie brau­chen weder Bera­tung noch Unter­stüt­zung. Sie schaf­fen es gut über alles, was eine Tren­nung so mit sich bringt, wie zum Bei­spiel die Auf­tei­lung der Güter, den Woh­nungs­wech­sel oder die Orga­ni­sa­ti­on der Kin­der­be­treu­ung, zu spre­chen.
Hoch­s­trit­ti­ge Eltern schaf­fen all das nicht. Sie sind oft­mals auf­grund der Tren­nung oder auf­grund von Ver­let­zun­gen in der Paar­be­zie­hung sehr gekränkt. Die emo­tio­na­len Kon­ten sind leer­ge­pumpt – oder im Dis­po, sage ich manch­mal. Dadurch schaf­fen es die Paa­re nicht sich gegen­sei­tig zuzu­hö­ren und die Per­spek­ti­ve des ande­ren ein­zu­neh­men, weil die Krän­kung zu stark ist. Oft kommt es vor, dass die­se hoch­s­trit­ti­gen Eltern meist auch noch Drit­te in den Kon­flikt ein­be­zie­hen. Sie gehen dann mit Freun­den in Alli­an­ce, spal­ten Fami­li­en oder zie­hen das Jugend­amt und Anwäl­te hin­zu. Hoch­s­trit­ti­ge Eltern ver­lie­ren eigent­lich im Lau­fe der Zeit immer mehr Auto­no­mie, weil sie vie­le Din­ge nicht regeln kön­nen und dann über Drit­te ver­su­chen, eine Lösung herbeizuführen. 

Vom Grund her arbei­ten wir mit hoch­s­trit­ti­gen Eltern in der Co-Bera­tung. Dass heißt, es gibt für jedes Eltern­teil eine zuge­hö­ri­ge The­ra­peu­tin bzw. ein The­ra­peut. Wir machen Ein­zel­be­ra­tun­gen mit einem Anteil von 40 % und gemein­sa­me Sit­zun­gen, also die Eltern­be­ra­tun­gen mit einem Anteil von ca. 60 %. Die­ser Anteil ist rela­tiv hoch. 

Wir haben über die Zeit fest­ge­stellt, dass die gemein­sa­me Eltern­be­ra­tung oft nicht wirk­sam ist, wenn es kei­ne inten­si­ve Ein­zel­ar­beit gibt. Die Ein­zel­be­ra­tung setzt näm­lich genau dort an: „Wo sind mei­ne eige­nen Antei­le an der Tren­nung?“, „Wie habe ich die Krän­kung erfah­ren“ und „Wo hat mein Part­ner oder mei­ne Ex-Part­ne­rin die Krän­kung for­ciert und wie habe ich reagiert?“. Oder sind sogar Krän­kun­gen schon mit­ge­bracht wor­den und gehö­ren gar nicht in die Part­ner­schaft, son­dern in die eige­ne Bio­gra­fie? Im Grun­de arbei­ten wir viel in den Fel­dern Sta­bi­li­sie­rung und Tren­nungs­ver­ar­bei­tung mit jedem Eltern­teil in der Ein­zel­be­ra­tung und nur dadurch kön­nen bei­de in der gemein­sa­men Sit­zung erst arbeits­fä­hig wer­den. Außer­dem schaf­fen wir in den Ein­zel­be­ra­tun­gen eine hohe Ver­trau­ens­ba­sis und Bezie­hungs­qua­li­tät zwi­schen uns und den Elternteilen.

Die ver­trau­ens­vol­le Arbeits­be­zie­hung ist sowie­so das Non-Plus-Ultra. So wird Hil­fe am bes­ten wirk­sam. Wir kön­nen zum Bei­spiel in der Ein­zel­be­ra­tung auch durch­aus inter­ve­nie­ren und kon­fron­tie­ren. Stel­len Sie sich vor, eine Mut­ter ist so gekränkt und streicht dem Vater das gemein­sa­me Weih­nachts­fest mit der Toch­ter. In der Ein­zel­be­ra­tung kön­nen wir wohl­wol­lend kon­fron­ta­tiv reagie­ren, wie zum Bei­spiel sagen „… das geht so nicht!“ – in der gemein­sa­men Eltern­be­ra­tung ist das natür­lich so nicht mög­lich, um den Ex-Part­ner oder die Ex-Part­ne­rin nicht vorzuführen.

Außer­dem schlie­ßen wir am Anfang der Bera­tung einen Ver­trag mit den bei­den Eltern­tei­len. Der beinhal­tet anfäng­lich drei ver­bind­li­che Ter­mi­ne und eine ver­bind­li­che Abschluss­sit­zung. Das gibt schon mal Sicher­heit, sich dar­auf ein­zu­las­sen. Außer­dem wird fest­ge­legt, dass es wäh­rend unse­rer Arbeit mit den Eltern kei­ne Fami­li­en­ge­richts­ver­fah­ren par­al­lel zur Bera­tung gibt, z. B. Anwalts­ter­mi­ne oder Ter­mi­ne, die Umgang und Sor­ge­recht betref­fen. Das ist für die Eltern ein guter Ver­trau­ens­vor­schuss für einen außer­ge­richt­li­chen Weg, wenn sie wis­sen, dass die Ver­fah­ren ruhen.

Wir ver­tei­len auch meta­pho­risch gel­be und rote Kar­ten, die die Kom­mu­ni­ka­ti­on regeln. Eine rote Kar­te ist ein Abbruch­kri­te­ri­um unse­rer­seits. Wenn es immer wie­der zu ver­ba­len Ver­let­zun­gen kommt und sich die Eltern nicht von uns len­ken oder stop­pen las­sen, dann bre­chen wir die Bera­tung ab. Mit die­sen Grund­re­geln ver­su­chen wir die Paa­re von Anfang an etwas zu zähmen.“

Clau­dia: „Was macht ihr, wenn ihr merkt, hier geht’s nicht wei­ter? Wo sind die Gren­zen des Kon­zepts mit hoch­s­trit­ti­gen Paa­ren und an wen könnt ihr dann vermitteln?“

Nad­ja: „Ich wür­de sagen, eine Gren­ze ist immer dann erreicht, wenn es die Eltern, trotz Ein­zel­be­ra­tung über einen län­ge­ren Zeit­raum nicht schaf­fen, sich vor dem ande­ren Eltern­teil auch mal zu öff­nen oder eine zuhö­ren­de Hal­tung ein­zu­neh­men. Dann haben wir auch immer ein The­ma mit Kin­des­wohl­ge­fähr­dung. Die Kin­der sind in einem mas­si­ven Eltern­kon­flikt. Es geht nicht wei­ter. An die­ser Stel­le ver­su­chen wir den Lei­dens­druck zu erhö­hen und ver­wen­den auch das Wort „Kin­des­wohl­ge­fähr­dung“ in der Bera­tung mit den Eltern. Wenn auch das die Arbeit mit den Eltern nicht vor­an­bringt, schal­ten wir das Jugend­amt ein.

Oder wenn es Eltern nicht schaf­fen Umgangs­ver­ein­ba­run­gen zu tref­fen, dann braucht es ein Fami­li­en­ge­richt, was den Umgang regelt. Das nimmt erst­mal Druck raus und die Eltern kön­nen dann noch­mal ande­res mit uns arbeiten.

Gren­zen sind für uns auch unbe­han­del­te psy­chi­sche Erkran­kun­gen. Ent­we­der gibt es schon eine Dia­gno­se oder wir haben eine Ahnung oder Ver­mu­tung. In dem Eltern­ver­trag ist fest­ge­schrie­ben, dass wir dann dar­auf auf­merk­sam machen und um medi­zi­ni­sche oder psy­cho­the­ra­peu­ti­sche Behand­lung bit­ten. Da spre­chen wir dann von sucht­be­las­te­ten Eltern, hoch depres­si­ven Eltern, Eltern mit unbe­han­del­ten Bor­der­line-Per­sön­lich­keits­stö­run­gen u. s. w. Aber auch da arbei­ten wir mit den Psy­cho­the­ra­peu­ten zusam­men — das steht auch im Konzept.“

Clau­dia: „Wenn du Dir für dei­ne Arbeit etwas wün­schen könn­test, was sie erleich­tert oder ver­bes­sert, was wäre das?“

Nad­ja: „So ganz freigesprochen?“

Clau­dia: Ja! Klar!

Nad­ja: „Ich wün­sche mir mehr Män­ner im Team. Ich glau­be die geschlechts­spe­zi­fi­sche Bera­tung in der Co-Bera­tung ist noch­mal bes­ser. Manch­mal glau­be ich, füh­len sich Väter von einem Mann bes­ser ver­stan­den und anders­rum. Es ist nicht immer so, aber ich könn­te mir vor­stel­len, dass das Ando­cken an eine Bera­ter­per­son des glei­chen Geschlech­tes man­chen Män­nern leich­ter fällt. Das hat ein­fach eine ande­re Dynamik.

Ich wür­de mir auch mehr zeit­li­che Res­sour­cen wün­schen. Bei Hoch­s­trit­ti­gen müss­te man beson­ders am Anfang hoch fre­quen­tier­ter arbei­ten. Am bes­ten mit wöchent­li­chen Sit­zun­gen – oder aller zwei Wochen – sonst kom­men die Eltern nicht aus ihrer Kon­flikt­spi­ra­le raus. Und wir brau­chen mehr Super­vi­sio­nen, weil die Arbeit mit hoch­s­trit­ti­gen Eltern sehr anspruchs­voll ist.“ 

Wir lächeln uns an, ich schal­te das Auf­nah­me­ge­rät ab und wir unter­hal­ten uns wei­ter über unse­re eige­nen Trennungen. 

Nad­ja Mahn
Sozi­al­päd­ago­gin,
Fami­li­en­the­ra­peu­tin &
Media­to­rin
Gesicht einer Frau mit dunklen haaren
Clau­dia Preuß
Refe­ren­tin für
Öffent­lich­keits­ar­beit & Fundraising