Wenn aus den Großen wieder Kleine werden

Schulübergangsprojekte in Schulen im Landkreis Leipzig

Es ist nicht lan­ge her, als mein Sohn die Schu­le wech­seln muss­te — von der Grund­schu­le auf’s Gym­na­si­um. Ver­dammt, habe ich auf das Sys­tem geschimpft. Und dann durf­te ich noch einen Erst­wunsch und einen Zweit­wunsch ange­ben? Ist das ein Witz? Mein Erst­wunsch: Bit­te alles so las­sen wie es ist. Ein­fach wei­ter zur Schu­le gehen. Mein Zweit­wunsch: schwe­di­sche Vor­fah­ren! Bei­de Wün­sche gin­gen nicht in Erfül­lung. Mei­ne Kin­der wur­den aus ihrer Klas­sen­ge­mein­schaft geris­sen, muss­ten von ihren Freund*innen Abschied neh­men und alles war neu. Das Ergeb­nis: Acht Wochen Bauch­schmer­zen, jeden Mor­gen — und Schul­muf­fe­lei vom Feinsten!

Hät­te ich schwe­di­sche Vor­fah­ren, wür­den mei­ne Kin­der dort zur Schu­le gehen. In Schwe­den besteht näm­lich die nor­ma­le Schul­lauf­bahn aus der neun­jäh­ri­gen, obli­ga­to­ri­schen Grund­schu­le und dem drei­jäh­ri­gen Gym­na­si­um. Oder soll­te ich mir jetzt das DDR-Schul­sys­tem zurück wün­schen? Das war ja auch nicht so schlecht, ne … ! Das schwe­di­sche Sys­tem ist aber wirk­lich noch um eini­ges fort­schritt­li­cher. In Schwe­den wer­den Noten erst ab der 6. Klas­se ver­ge­ben und das Sit­zen­blei­ben, was wirk­lich eines der ernied­ri­gends­ten Stra­fen des bun­des­deut­schen Schul­sys­tems ist, gibt es in Schwe­den auch nicht.

Klassenzimmer mit Menschen im Kreis
Susan­ne Rupp, Schul­so­zi­al­ar­bei­te­rin am Gym­na­si­um Zwenkau im Klassenzimmmer

Ines Ulrich ist Schul­so­zi­al­ar­bei­te­rin am Gym­na­si­um in Bor­na und hat mir von einem Mini-Licht­blick erzählt, der den Schul­wech­sel für die Kin­der etwas erleich­tern soll. Seit eini­gen Jah­ren orga­ni­sie­ren die Schulsozialarbeiter*innen des Weg­wei­ser e. V. Schul­über­gangs­pro­gram­me. Die bestehen momen­tan aus einem Prok­jekt­tag für die vier­ten Klas­sen ver­schie­de­ner Grund­schu­len im Landkreis.

Die Kin­der hüp­fen an die­sem Tag zu ver­schie­de­nen Sta­tio­nen, eine heißt “Mei­ne Wunsch­schu­le”. Die Kin­der kön­nen Fra­gen stel­len oder Sor­gen und Ängs­te äußern. Ines war an vier ver­schie­de­nen Grund­schu­len, um sich dort den Kin­dern vor­zu­stel­len. An der Cle­mens-Thie­me-Grund­schu­le in Bor­na, wo es das Pro­jekt schon seit 2013 gibt, wird sie jedes Jahr von Fünftklässler*innen des Gym­na­si­ums beglei­tet, die den „Klei­nen“ als Expert*innen zur Sei­te stehen.

Ines Ull­rich bei der Arbeit mit den Kindern 

Schön ist, dass sich auch ande­re Trä­ger, wie z. B. die Kin­der­ver­ei­ni­gung Leip­zig und die Cari­tas als Kooperationspartner*innen enga­gie­ren. Ehe­ma­li­ge Viertklässler*innen aus der Grund­schu­le Pfif­fi­kus in Böh­len und der Grund­schu­le Rötha haben die Schulsozialarbeiter*innen von der Ober­schu­le Böh­len , vom Gym­na­si­um Zwenkau und vom Gym­na­si­um “Am Brei­ten Teich” schon kennengelernt. 

Kinder sitzen im Kreis
Sabri­na Zim­mer­mann im Klas­sen­zim­mer mit Schüler*innen der Grund­schu­le Rötha

Aber was kön­nen Schulsozialarbeiter*innen tun, damit der Schul­wech­sel gut geschafft wer­den kann? Ines Ulrich sagt, dass sie ver­sucht von Anfang an in den fünf­ten Klas­sen prä­sent zu sein. Gemein­sam mit den Lehrer*innen för­dert sie in Unter­richts­ein­hei­ten das “Sozia­le Ler­nen”. Die Kin­der spre­chen über ihre Vor­stel­lun­gen, wie sie am bes­ten gemein­sam ler­nen wol­len, wie sie in bestimm­ten Situa­tio­nen ange­mes­sen reagie­ren und wie sie mit sich selbst und ande­ren acht­sam sind. Durch die­sen inten­si­ven Kon­takt in Prä­senz fal­len dann auch schnell Schüler*innen auf, denen es viel­leicht nicht so leicht fällt, sich einzufinden.

So wis­sen die Fünftklässler*innen, an wen sie sich wen­den kön­nen und Ines Ulrich kann dann schau­en, was eigent­lich dahin­ter steht. Viel­leicht ist es nur des­halb anstren­gend, weil die Kin­der das “Ler­nen ler­nen” nicht beherr­schen, weil sie die klas­si­schen Lern­me­tho­den in der Grund­schu­le noch nicht brauch­ten und ihnen jetzt der Stoff nicht mehr so ein­fach zufällt.

Oder viel­leicht ist es auch ein fami­liä­rer Hin­ter­grund, eine Tren­nung oder es ist die Oma ver­stor­ben. Um die­sen ein­schnei­den­den Din­gen auf die Spur zu kom­men, dafür brau­chen Lehr­kräf­te und Schulsozialarbeiter*innen eine gute Beob­ach­tungs­ga­be und inten­si­ven Kon­takt und Aus­tausch. Wir kön­nen inner­halb unse­res Kol­le­gi­ums im Ver­ein in beson­de­ren Fäl­len schnel­le Anschluss­hil­fen z. B. in die Fami­li­en- und Erzie­hungs­be­ra­tungs­tel­le organisieren.

Oft kom­men Kin­der auch mit einem enor­men Druck aus den Eltern­häu­sern. Eini­ge Eltern glau­ben, wenn ihr Kind die gym­na­sia­le Bil­dungs­lauf­bahn nicht schafft, wird nichts aus ihm. Ines Ulrich emp­fiehlt Eltern, die Kin­der mit all ihren Sor­gen und Ängs­ten ernst zu neh­men und ihnen die Mög­lich­kei­ten zu geben, nach ihren Fähig­kei­ten, ganz gleich auf wel­cher Schu­le, zu ler­nen. Abrup­ter aut­ho­ri­tä­rer Lern­druck ab dem Beginn des Gym­na­si­ums birgt Gefah­ren und führt zu Kon­flik­ten, die die Kin­der manch­mal schwer belas­ten kön­nen. Eine ver­trau­ens­vol­le Beglei­tung der Eltern ist wirk­sa­mer, so Ines.

In Bor­na am Gym­na­si­um ler­nen über 850 Schüler*innen und über 60 Lehr­kräf­te. Das ist enorm viel. Die Klas­sen­stu­fe 5 ist im letz­ten Schul­jahr sechs­zü­gig gefah­ren. Das ist räum­lich und auch per­so­nell eine gro­ße Her­aus­for­de­rung. Umso mehr freut es Ines, dass es jetzt mit vie­len neu­en Kolleg*innen ein wach­sen­des Selbst­ver­ständ­nis von Schul­so­zi­al­ar­beit an der Schu­le gibt. Lehrer*innen akzep­tie­ren Schul­so­zi­al­ar­beit ganz auto­ma­tisch als ein sozi­al­päd­ago­gi­sches Unter­stüt­zungs­an­ge­bot, was ein ganz posi­ti­ver Schwung ist, der da entsteht. 

Einen all­um­fas­sen­den posi­ti­ven Schwung braucht jeden­falls unser staat­li­ches Schul­sys­tem ganz drin­gend. Die­se Mini-Licht­bli­cke sind lobens­wert, aber kei­ne Lösung! So den­ke ich!
Ich wür­de mal nach Schwe­den fah­ren, wenn ich was zu sagen hät­te. Eine gute Idee für die kom­men­den Som­mer­fe­ri­en — viel­leicht? Ob mein Sohn dann dort blei­ben möch­te, weil der dort nicht sit­zen­blei­ben kann, wird sich im jet­zi­gen Schul­jahr zei­gen. Lie­be Ines, vie­len Dank für dei­ne wei­sen Worte!

Autorin: Clau­dia Preuß / Redak­ti­on Weg­wei­ser e. V.