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Kerstin Kupfer zieht Bilanz

Wie viel Schutz bietet das Gewaltschutzgesetz wirklich?

Am 1. Januar 2002, also vor 20 Jahren ist das Gesetz zur Verbesserung des zivilgerichtlichen Schutzes bei Gewalttaten und Nachstellungen sowie zur Erleichterung der Überlassung der Ehewohnung bei Trennung in Kraft getreten.

Ich hatte damals sieben Jahren beruflicher Erfahrung in einem Frauen*- und Kinderschutzhaus im Landkreis Leipzig begrüßte 2002 fast euphorisch das Gewaltschutzgesetz als einen deutlichen Paradigmawechsel des staatlichen Schutzes für Betroffene von häuslicher Gewalt und Stalking.  „Wer schlägt, der geht!“ heißt es. Für die Opfer der häuslichen Gewalt heißt das, dass die Flucht aus der gemeinsamen Wohnung und dem gewohnten Lebensumfeld nicht mehr alternativlos ist, um dem alltäglichen Horror von Beleidigungen, Erniedrigungen und Schlägen zu entgehen. Damit waren erstmalig die Frauen*- und Kinderschutzhäuser nicht mehr die einzige Schutzmöglichkeit.

Portait einer Frau vor einem Baum

Ein Jahr später begann im Wegweiser e.V. mit der Frauenschutz- und Interventionsstelle als erstes Modellprojekt in Sachsen die Arbeit eines Beratungsangebotes, das nach einem Polizeieinsatz proaktiv und beratend auf die Opfer zugeht. Damit war der Startschuss für die Entstehung weiterer Koordinierungs- und Interventionsstellen gegen häusliche Gewalt und Stalking in Sachsen gegeben. Es eröffneten sich neue Chancen auf eine gewaltfreie Lebensperspektive vieler Frauen und Männer.

Doch wo Licht ist, ist auch Schatten

20 Jahre nach dem Inkrafttreten dieses Gesetzes erlebe ich als Beraterin in einer Interventionsstelle noch immer, dass die Antragstellung bei den Familiengerichten für viele Betroffene ein schwieriger Hürdenlauf sein kann und beteiligte Ämter und Behörden zu wenig miteinander kooperieren, um weitere Gewaltübergriffe, trotz bestehender Beschlüsse nach dem GewSchG zu vermeiden. Gemeinsame Anhörungstermine, das Tragen eines Kostenrisikos, Abweisungen von Anträgen, Zweifel an der Glaubhaftigkeit der Angaben und seltene Konsequenzen nach Verstößen der Täter*innen gegen die Beschlüsse sind gegenwärtig leider noch Realität für viele Betroffene von häuslichen Gewalt.

Der Schutz durch die Beschlüsse nach dem GewSchG wird in vielen Fällen durch Umgangsregelungen ausgehebelt und führt nicht selten zu weiteren Gefährdungssituationen, Kindeswohlgefährdungen und neuen Übergriffen.

Das Gewaltschutzgesetz braucht mehr als vier Paragraphen, um Frauen und Männer konsequent vor weiterer häuslichen Gewalt zu schützen.

Kerstin Kupfer
Vorstandsfrau und Teamleiterin Gewaltschutz Wegweiser e. V.

Die Situation gewaltbetroffener Frauen* im Landkreis Leipzig

Seit Jahren steigt die Zahl der von Gewalt betroffenen Frauen im Landkreis. So werden pro Woche 12 Frauen Opfer von Gewalt in Partnerschaften. Im letzten Jahr wurden durch die Polizei insgesamt 626 Fälle von häuslicher Gewalt in bestehenden oder ehemaligen Partnerschaften gemeldet. Im Vergleich zum Vorjahr sind das 49 Straftaten mehr. Der Wegweiser e. V. als Träger der Beratungsstelle gegen häusliche Gewalt und Stalking in Grimma und eines Frauen*- und Kinderschutzhauses bietet im Landkreis Leipzig Schutz, Unterstützung und Beratung. Seit Beginn des Jahres 2021 gab es insgesamt 223 Beratungsfälle aufgrund häuslicher Gewalt oder/und Stalking. Im Frauen*- und Kinderschutzhaus wurden im gleichen Zeitraum 25 Frauen* und 24 Kinder aufgenommen und 34 Personen abgewiesen, weil es zu wenig bzw. keine bedarfsgerechten Plätze gab.
„Die Frauen kommen von überall her,“ sagt Kerstin Kupfer, Leiterin des Gewaltschutz-Hilfesystems im Wegweiser e. V. und Mitglied des Vorstandes des neu gegründeten Vereins „LAG Gewaltfreies Zuhause Sachsen e. V.“ „die Dunkelziffer ist weitaus höher und nur wenige Frauen finden überhaupt den Weg in unser Schutzhaus, weil es an Aufklärung und Informationen fehlt. Viele suchen Zuflucht bei Freunden oder Familienmitgliedern.“. Zwischen Leipzig und Chemnitz sind die Beratungs-  und Schutzangebote gegen häusliche Gewalt und Stalking einzigartig im Landkreis und die Bekanntheit solcher Beratungsmöglichkeiten im ländlichen Raum sind nicht ausreichend kommuniziert.

Fahnenaktion in Borna

Gestern, um 12:45 Uhr wurde, anlässlich des Internationalen Tages gegen Gewalt an Frauen, vor dem Rathaus in Borna und vor dem Landratsamt die Fahne, der von Terre de Femmes initiierten, bundesweiten Aktion, „Frei leben – ohne Gewalt“ gehisst. Die Gleichstellungsbeauftragte Konstanze Morgenroth und die 2. Beigeordnete des Landkreises Leipzig Ines Lüpfert ließen die Fahne aufziehen. Vom Wegweiser e. V. waren Kerstin Kupfer und zwei Mitarbeiterinnen aus dem Gewaltschutzteam, deren Namen wir an dieser Stelle, aufgrund der Gefahrenprävention nicht nennen dürfen, anwesend.

Vier Frauen hissen eine blaue Fahne

Von links: Konstanze Morgenroth, Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises, Kerstin Kupfer, Wegweiser e. V., Ines Lüpfert, Beigeordnete des Landkreises Leipzig, N.N. Mitarbeiterin der Beratungstelle im Wegweiser e. V.

Kampagne der „LAG Gewaltfreies Zuhause“


Aufklärungsarbeit und Sensibilisierung der Öffentlichkeit sind wichtige Maßnahmen zum Schutz und zur Bewusstmachung von häuslicher Gewalt. Nur durch dauerhaften Präsenz des Themas in der Öffentlichkeit kann die Dunkelziffer minimiert werden und mehr Frauen dazu bewegt werden, die Hilfeangebote wahrzunehmen. Hier müssen zukünftig Investitionen seitens des Landes und auch der Kommune getätigt werden, um die Hilfeangebote bekannt zu machen. Ein erster Schritt ist die Kampagne der LAG Gewaltfreies Zuhause.
Seit 12.11.2021 findet erstmals im ländlichen Raum eine Kampagne statt, die mit über 200 Großflächenplakaten gemeinsam mit dem Werbeunternehmen Ströer sachsenweit auf das Hilfesystem in Sachsen aufmerksam macht. Die Kampagne soll Bewusstsein schaffen, dass Gewalt gegen Frauen und häusliche Gewalt ein gesamtgesellschaftliches Problem ist. Die LAG ruft alle Hilfesysteme Sachsens auf, sich mit den Hashtags #GewaltfreiesZuhause an der Kampagne zu beteiligen.

Werbekampagnen sind kostenintensiv, dass sie von den Trägervereinen der Schutzeinrichtungen nicht finanziert werden können. Ein erster Schritt ist mit der Förderung dieser Kampagne. Wir wünschen uns dauerhafte und nachhaltige Investitionen in die Öffentlichkeitsarbeit des Gewaltschutz-Hilfesystems im Landkreis Leipzig.

Plakat mit einer Frau und dem Satz: es war ein Schlag

Kampagnenbild LAG Gewaltfreies zu Hause e. V.

Der Umzug des Frauen- und Kinderschutzhauses

Neben diesen Aktionen zum Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen, möchten wir mitteilen, dass wir einen nennenswerten Schritt hin zu einem neuen Frauen*- und Kinderschutzhauses geschafft haben.


Weiterführende Informationen:
https://wegweiser-boehlen.de/land-in-sicht/

https://wegweiser-boehlen.de/spenden/aktuelle-spendenaktion/